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Flaschengeist
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Gast Flaschengeist








Flaschengeist

Was dem einen sein Uhl, ist dem anderen sein Nachtigall, das ist ein altes Sprichwort.
Und tatsächlich haben wir Menschen manchmal Vorlieben, die für andere Bewohner des blauen Planeten geradezu grotesk wirken müssen.
Peinlich nur, wenn man mit solcherart seltsamen Dingen unvermittelt konfrontiert wird.
Miezka kann davon ein Lied miauen.
*
Diese Ostern war ja endlich mal wieder schönes Wetter.
Überall gingen die Menschen ins Grüne oder auf Grillpartys.
Nun habe ich nichts gegen Grillpartys, im Gegenteil, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die angekokelte Leichenteile von Schwein und Rind durchaus schmackhaft findet.
Nur selber grillen ist nicht, denn erstens ist so eine Grillparty alleine auch nicht gerade erbaulich und zweitens will ich nicht für noch mehr Gesprächsstoff in der Nachbarschaft sorgen.
Da traf es sich ja bestens, dass ich bei Andre und Birgit zu eben einer solchen Party eingeladen wurde, natürlich unter der Bedingung, dass jeder etwas mitbringen solle, beispielsweise Salat.
Und natürlich konnte ich Miezka auch mitbringen.
Die beiden haben keinen Garten, aber einen grossen Balkon.
Na ja, gross ist relativ, wie schon Einstein sagte.
Ausserdem haben sie noch zwei Geckos und ein Meerschweinchen.
Die Geckos sind sowieso in ihrem Terrarium und das Meerschweinchen die meiste Zeit im Käfig, so dass nicht die Gefahr besteht, dass jemand auf Miezkas Speisekarte landen könnte.
Erst gibt’s mal Begrüssung, der Grill ist schon angeworfen.
Wir unterhalten uns über dies und das, während Andre den Grill beaufsichtigt.
Miezka hat erst mal eine intensive Wohnungsbesichtigung durchgeführt und sich dann zu einer intensiven Bettelaktion auf dem Balkon entschlossen.
Nur bleibt diese erfolglos.
Aber ich habe die von ihr so geliebten Katzensticks dabei, welche sie auch mit Genuss annimmt.
Sollte aber jetzt jemand glauben, dass sie sich damit zufrieden geben würde, der irrt.
Glauben kann man in der Kirche und da gibt’s in der Regel keine Katzen.
Miezka weis das anscheinend und schleicht weiter mit gierigem Blick um Tisch und Grill.
Das Fleisch ist fertig und wir machen uns darüber her, von Miezka sehnsuchtsvoll beobachtet.
Irgendwann ist Birgit von ihr weichgekocht und gibt ihr ein Häppchen.
Das hätte sie lieber nicht tun sollen.
Denn Miezka versteht das als Aufforderung, an der Schlemmerei teilzunehmen.
Mit einem Satz ist sie auf dem Tisch.
Das geht jetzt aber doch zu weit.
Sie wird von mir auf den Boden gesetzt, mit einigen Streichlern und dem Angebot eines weiteren Katzensticks, welches aber von ihr abgelehnt wird.
Nach einiger Zeit und weiteren Versuchen, etwas von dem leckeren Fleisch zu bekommen, setzt sie sich beleidigt in eine Ecke.
So langsam werden wir mit dem Essen fertig und Andre offeriert als Verdauungshilfe einen Schnaps.
Nun bin ich nicht unbedingt ein Freund von hochprozentigem, aber nach einem guten Essen kann man sich das durchaus genehmigen.
Ausserdem hat Andre Beziehungen zu einer Privatbrennerei im Schwarzwald und das Kirschwasser ist von einer Sorte und Qualität, wie man sie höchstens in extrem teuren Feinkostläden bekommt.
Es ist auch ja fast alles aufgegessen, nur einige Fleischstücke sind noch auf dem Servierteller.
Also werden mal einige Stamperl ausgeschenkt.
In dem Moment macht es einen Rumpler und Miezka ist auf den Tisch gesprungen um sofort unauffällig nach dem Fleisch zu schielen.
Birgit hat sich ob dieser unerwarteten Aktion ziemlich erschreckt und scheucht Miezka vom Tisch.
Völlig unerheblich dass dabei ihr volles Glas Kirschwasser umkippt.
Nur kippt es nicht einfach um, sondern der Edelbrand wird dabei voll über die sich jetzt auf dem Boden befindliche Miezka gekippt.
Die zischt ab, wie von der Tarantel gestochen.
Ich muss sofort nach ihr schauen.
Miezka hat sich in eine Ecke des Wohnzimmers geflüchtet.
Ich will zu ihr, aber sie haut wieder auf den Balkon ab.
Dort sitzt sie und beginnt das, was Fellnasen machen, wenn eben dieses Fell nicht dem von ihnen erwarteten Zustand entspricht.
Sie putzt sich. Mit sichtlichem Wiederwillen, aber sie putzt sich das Fell.
Nicht durch ablecken, das scheint ihr zuwider zu sein, aber sie streicht sich immer wieder mit der Vorderpfote über den Kopf um das Zeug abzubekommen.
Und sie stinkt wie eine Destille.
Nur ist das eben kein Dreck oder normales Wasser, sondern vierzigprozentiger Alkohol, aber der muss raus aus dem Fell.
Und eben dieser Alkohol macht, was Alkohol bei Wärme eben macht, er verdunstet.
Miezka bekommt diesen Dunst voll ab und die Flüssigdroge beginnt schon nach kurzer Zeit Wirkung zu zeigen.
Ist ja auch völlig klar, Miezka gehört nicht in die Kategorie „Quartalsäufer“, will heissen, sie hat noch nie Vergärtes oder Spirituosen abbekommen und höchsten mal am Bierglas geschnüffelt, von wo sie sich angewidert abgewandt hat.
Wie kann man nur so etwas trinken?
Jedenfalls bekommt sie im Laufe ihrer Putzaktion zunehmend Koordinationsschwierigkeiten.
„Miau!“
Es klingt fast kläglich.
Also nehme ich sie erst mal auf meinen Schoss, was sie jetzt teilnahmslos zulässt.
Von allen am Tisch bekommt sie jetzt Streichler, besonders von Birgit, der das besonders leid tut.
Armes Kätzchen.
Am Tisch nimmt der Fleischgeruch wieder überhand und sie will dahin.
Nur scheint das nicht so einfach zu sein.
Denn die sonst so trittsichere Miezka hat zunehmend Schwierigkeiten, zielgerichtet auf das Fleischstück zuzuschleichen.
Jedenfalls hat sie die eben erwähnten Koordinationsschwierigkeiten.
Ojweh!
Also Kätzchen, du bleibst besser auf Dosis Schoss.
Irgendwie sieht Miezka jetzt ziemlich mitgenommen aus.
Und nach kurzer Zeit ist sie auf meinem Schoss eingeschlafen.
Also wird sie ins Wohnzimmer auf die Couch verfrachtet, wo sie sich weiter alkoholisierten Träumen hingibt.
Und sie schläft weiter, bis wir abends zuhause sind.
Als sie wieder aufwacht, macht sie keinen sehr glücklichen Eindruck.
Ich denke, sie hat das, was ich ihr bisher verwehrt habe: Einen Kater!
Heute habe ich mir zum Essen ein Bier genehmigt.
Den vorwurfsvollen Blick, mit dem sie mich dabei bedacht hat, werde ich so schnell nicht vergessen.
Auf Partys wird sie wohl nicht mehr freiwillig erscheinen.
Na dann, prost.
»24.01.2010 08:30
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