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Lilith |
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Lilith
Julie’s Kitten sind jetzt schon einige Monate alt. Wenn Miezka zu Besuch kommt, sind die drei jetzt immer sehr neugierig und wollen alles von ihr wissen. „Miezka, waren wir schon immer bei den Menschen?“ „Nein einst streiften wir frei durch das Land. Aber dann sind wir zu den Menschen gegangen.“ „Sind wir freiwillig zu den Menschen gegangen?“ „Ja, das sind wir, und es war die richtige Entscheidung.“ „Gab es denn eine erste Katze, die mit den Menschen lebte?“ „Miezka, weist du das? Sag’s uns, bitte.“ „Ja, eine solche Katze gab es. Und das solltet ihr wirklich erfahren. Daher erzähle ich euch die Geschichte der allerersten Katze, die mit den Menschen lebte.“ * So lange ist es schon her, so viele Sommer und Winter, dass niemand mehr genau weiss, wann es geschah, aber es war in einem fruchtbaren Land weit entfernt im Süden und im Osten. Langsam versank die Sonne hinter dem Horizont. Es wurde schnell dunkel in diesen Breiten. Es wurde Zeit, auf die Jagd zu gehen, die Dämmerung war die beste Zeit dafür. Langsam schlich Schattenwind durch die niedrigen Büsche. Von fern hörte sie einen Nachtvogel. Eidechsen waren um diese Zeit nicht mehr unterwegs, aber andere Beute wurde jetzt aktiv. Kleine Nager, die sich in der Dunkelheit sicher fühlten. Sie hatte Geduld und legte sich auf die Lauer, als sie ein leises Rascheln hörte. Einer der Nager machte sich auf die Suche nach etwas essbarem. Er blieb kurz stehen, stellte sich auf die Hinterpfoten und schnupperte in die Luft. Aber er roch Schattenwind nicht, denn die hatte sich gegen den Wind angeschlichen. Sie duckte sich noch tiefer ins Gras und machte sich sprungbereit. Der Nager wollte sich gerade wieder auf seine Vorderpfoten fallen lassen, als die Katze vorschnellte und den Nager zu fassen bekam. Der quietschte in Todesangst und zappelte, aber Schattenwind hatte ihn sicher unter ihren Vorderpfoten. Dann lies sie los um sofort wieder zuzupacken. Dieses Spiel ging so einige Male, bis sie schliesslich genug hatte und dem Nager das Genick brach. Jetzt war das Essen gesichert und genüsslich machte sie sich darüber her. Nun machte sie sich auf zum Treffpunkt. Der Treffpunkt lag unter einem Gebüsch in der Nähe eines weithin sichtbaren Baumes und wurde immer wieder von den Katzen der Gegend aufgesucht. Dort trafen sie sich und erzählten ihre Erlebnisse. Es war eine ziemliche Strecke dorthin. Die Nacht war heute lau und der Mond war noch nicht aufgegangen. Von fern hörte man das Brüllen eines grossen Tieres, dann war wieder Stille. Später hörte sie Vögel aufflattern. Sonst war es ruhig. Nach einiger Zeit konnte sie die Umrisse des grossen Baumes sehen. Zielsicher steuerte sie auf das Gebüsch zu. Eine Unruhe war in ihr. Sie fühlte, dass es Zeit war sich wieder zu paaren. Einige ihrer Freunde waren schon da. Da war Renner, der schnellste von allen und Sandfell, Nachtlicht, Grossohr und noch einige andere. Sie begrüssten sich nach Katzenart und Schattenwind setzte sich hin, putze sich und wartete, was die anderen zu berichten hatten. Vieles waren uralte Geschichten, von den Elefanten, jenen grauen gutmütigen Riesen, Krokodilen, aber auch von den Löwen, den entfernten Verwandten, die weit, weit entfernt im Süden in der Steppe lebten. Elefanten gab es hier selten, sie lebten wie die Löwen weiter im Süden, aber manchmal wurde einer gesichtet. Hier in der Gegend war es ruhig geblieben, nichts besonderes hatte sich ereignet. Graustreif war gestorben. Er war ziemlich alt geworden und die Jagd bereitete ihm Probleme. Er war jetzt im Land am Rande der Zeit. Auch diese Geschichte erzählten sie: Wenn ein Tier starb, dann ging es in ein zeitloses Land, von Meer umflossen, in dem keine Not oder Mangel herrschte, das Wetter immer freundlich war und niemand einem anderen ein Leid tat. Und dass es dort einen Weg in den Farben des Regenbogens gab. Wohin dieser führte, wusste niemand. Aber das waren Geschichten am Rande, wichtig war, was sich jetzt hier in der Gegend ereignet hatte. Am Fluss gab es nun eine Kolonie Vögel bei der Brut und das könnte Beute versprechen. Die Krokodile hatte ihre Eier in den Sand gelegt, und waren jetzt noch gefährlicher als sonst. Bei den Hügeln zog eine Horde Warzenschweine durch. Ihnen musste man aus dem Weg gehen, denn sie waren immer übel gelaunt. Es gab Erzählungen, bei denen ein Warzenschwein eine angreifende Löwin so stark verletzt hatte, dass sie nicht mehr jagen konnte und jämmerlich zugrunde ging. Und dann erzählte Nachtlicht, dass sie Menschen gesehen hätte. Menschen! Das war ein seltsames Volk, viele Tiere waren bei ihnen, hauptsächlich Ziegen, aber manchmal auch Hunde. Sie blieben nie lange an einem Ort, sondern wanderten mit ihrem gesamten Hab und Gut durch das Land. Man musste sich vor ihnen in Acht nehmen. Denn Schattenwind hatte schon mehrmals gesehen, dass ein Tier umgekommen war, obwohl niemand in der Nähe war. Aber jedes Mal war kurz danach ein Mensch aufgetaucht und hatte das Tier mitgenommen. Ob jemals eine Katze so ums Leben gekommen war, wusste niemand. Und sie hatten das Feuer gezähmt. Feuer war etwas, vor dem sich alle Tiere fürchteten. Schattenwind hatte im letzten Sommer erlebt, wie der Wald gebrannt hatte und dachte jetzt noch mit Schrecken daran. Daher suchten sie alle Deckung, wenn Menschen in der Nähe waren, und es war jetzt besonders wichtig, wachsam zu sein. Damit war zu diesem Thema alles gesagt und sie erzählten andere Geschichten. Vieles weitere erzählten sie sich bei ihren nächtlichen Treffen. Von der Grossen Dunkelheit, die vor undenklichen Zeiten über das Land gekommen war und wie der schlaue Silberstreif einmal einen Affen überlistet hatte, wie Schwarzpfote einem Elefanten auf den Rücken gesprungen wäre und noch vieles mehr. Schattenwind lauschte den Erzählungen. Ein Seltsames Gefühl kam über sie. Sie fühlte sich plötzlich zu Sandfell hingezogen. Der bemerkte das, kam zu ihr und begann ihr das Fell zu lecken. Sie lies es geschehen. Nach einiger Zeit stand sie auf und entfernte sich langsam von den Anderen. Sandfell folgte ihr, rieb sich an ihr und sie verschwanden in der Nacht Drei Tage streifte sie mit Sandfell durch die Gegend. Sie jagten und spielten zusammen und wenn es ihnen danach war, paarten sie sich. Aber nach vier Tagen hatten sie genug voneinander und jeder ging wieder seiner eigenen Wege. Schattenwind wusste, dass sie jetzt trächtig war, aber bis die Jungen zur Welt kämen, würde noch einige Zeit ins Land gehen. Sie jagte weiterhin in der Dämmerung und traf sich unter dem Gebüsch bei dem Baum mit den Anderen. So vergingen die Tage. An einem Morgen war Schattenwind wieder auf einem ausgedehnten Streifzug. Weiter westlich am Fluss war die Vogelbrut jetzt geschlüpft und mit etwas Glück konnte man ein Küken erwischen. Die älteren Vögel waren zwar wachsam, aber man konnte sie ablenken, wenn man schnell genug war. Um die Sandbänke mit den Krokodilen machte sie einen weiten Bogen. Als ihr Weg sie wieder in Richtung Fluss führte, sah sie in einiger Entfernung Rauch aufsteigen. Was war das? Gab es wieder einen Waldbrand? Aber die dünne Rauchsäule blieb wo sie war und wurde auch nicht grösser. Langsam und vorsichtig schlich sie weiter, als sie Geräusche hörte. Menschen! Sie wusste aus dem Bericht von Nachtlicht, dass Menschen in der Gegend gewesen waren, aber sie hatte geglaubt, diese seien weitergezogen, wie sie das immer taten. Jetzt konnte sie die Menschen sehen. Noch nie hatte sie etwas so seltsames erblickt. Da waren feste Behausungen, welche die Menschen gebaut hatten. Ziegen waren dazwischen zu sehen und ein Hund döste in der aufgehenden Sonne Und in einiger Entfernung waren Bäume umgestürzt und Büsche herausgerissen worden und so eine grosse freie Fläche geschaffen worden. Dort waren auch Menschen, die den Boden umgruben, wie es die Warzenschweine machten, nur dass die Menschen dazu Werkzeuge benutzten. Langsam schlich Schattenwind näher. Alles war friedlich, die Ziegen beachteten sie nicht und auch der Hund hob nur einmal kurz den Kopf und witterte. Dann schlief er weiter. In den folgenden Tagen kam sie immer wieder in die Nähe der Siedlung um zu sehen ob sich etwas geändert hätte. Aber der Rhythmus war immer der gleiche. Morgens gingen die Menschen auf ihre Felder, oft mit den Ziegen und dem Hund und nachts schliefen sie in ihren Hütten. Wenn die Menschen auf ihren Feldern waren, war das auch die Gelegenheit, immer eine Maus zu erwischen, die in der Menschensiedlung ziemlich zahlreich waren. Auch das Feuer war immer an der gleichen Stelle und griff nicht um sich. Gelegentlich blieb sie in einer der Hütten schaute sich um und ruhte sich etwas aus, bevor die Menschen zurückkamen. Es gab dort weiche Decken, die dazu geradezu einluden. Das alles erzählte Schattenwind den anderen Katzen und so langsam legte sich die Aufregung über die Anwesenheit der Menschen. Zweimal war jetzt Vollmond gewesen seit sie sich mit Sandfell gepaart hatte und Schattenwind wusste, dass sie bald gebären würde. Es wurde Zeit, sich ein sicheres Versteck zu suchen. Immer wieder untersuchte sie alle möglichen Stellen, aber keine war ihr sicher genug. So kam sie der Menschensiedlung immer näher. Hinter einigen Bäumen waren grossen Felsen mit dichtem Gestrüpp, das ausreichend Deckung bot. Nach zwei Seiten war zwischen den Felsen ein Durchgang offen, so dass sie von verschiedenen Richtungen hinein konnte Vertrocknetes Gras war unter dem Gestrüpp und Schattenwind entschied, dass dies ein geeigneter Platz wäre um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Sie untersuchte die Stelle ausgiebig, aber es war kein Geruch von irgendwelchen grossen Raubtieren hier. Gerade hatte sie die Inspektion abgeschlossen und den Platz für ideal befunden, als sie ein Geräusch hörte. Ein lautes Grunzen, das langsam näher kam. Warzenschweine! Sie zog sich zwischen die Felsen zurück und presste sich an den Boden. Immer näher kam die ungehobelte Horde, wühlte den Boden auf und grunzte andauernd. Aber sie entdeckten Schattenwind nicht.. Mit einem Mal waren sie unter dem Gebüsch und gruben den Boden auf der Suche nach Wurzeln um. Diese grunzenden Vielfrasse schreckten vor nichts zurück und Schattenwind war entsetzt darüber, dass sie ihr sorgsam ausgewähltes Wurfversteck zerstört hatten. Aber davon lässt sich eine Katze nicht abhalten. Sie würde ein neues Versteck finden. In Richtung der Bäume konnte sie nicht, da waren die Warzenschweine und über die Felsen klettern mochte sie auch nicht, sie könnte von einem Raubvogel gesehen werden. Blieb nur der Rückzug nach hinten. Also schlich sie vorsichtig durch die Felsen, bis sie wieder freies Gelände erreichte. Direkt vor ihr lag die Menschensiedlung. Sie war offensichtlich verlassen, die Menschen waren in einiger Entfernung auf ihren Feldern zu sehen. Niemand war bei den Hütten. Langsam schlich sie näher. Die Hütten waren aus Holz und Steinen gebaut und es gab Öffnungen, durch die Schattenwind hinein konnte. Es war wie eine grosse Höhle. Viele Gegenstände lagen darin, mit denen Schattenwind nichts anfangen konnte. Aber irgendwie roch es auch nach Essbarem. Weiche Decken lagen in einer Ecke des Raumes und zwischen diesen und der Wand war Platz. Das könnte ein gutes Versteck für ihre Jungen abgeben. Sie beschnüffelte und begutachtete alles ausgiebig. Ja, der Platz war gut gewählt. Gerade als sie sich auf den Decken niederlassen wollte, hörte sie ein Geräusch. Am Eingang stand ein Mensch. Dem Geruch nach war das eine Frau. Erst wollte Schattenwind flüchten, aber die Frau stand zwischen ihr und dem Ausgang. Sie sah die Katze und kam langsam und vorsichtig näher. Schattenwind wusste erst nicht, was sie von der Situation halten sollte und fauchte erst mal vorsichtig warnend. „Hab keine Angst, ich tu dir nichts.“ sagte die Frau beruhigend. Sie kniete sich langsam zu Schattenwind nieder und streckte die Hand aus. „Ich bin Ivani, wer bist Du denn?“ Schattenwind schnüffelte an ihrer Hand. Nein, da war kein aggressiver Geruch. Auch die Bewegungen liessen nicht auf einen Angriff schliessen. Seit sie hier war, waren die Menschen ihren eigenen Verrichtungen nachgegangen und nie war sie von ihnen belästigt worden, daher lies sie es zu, dass Ivani sie anfasste. Ganz vorsichtig streichelte Ivani über Schattenwind’s Rücken. Sie lies es geschehen, ja, sie empfand es als angenehm. Ivani hatte zwar oft schon Katzen gesehen, aber noch nie hier in einer Hütte. Und diese hier war offensichtlich zutraulich. „Magst du etwas Fressen?“ Ivani drehte sich nach einem Topf um, holte etwas daraus hervor und hielt es in Schattenwind’s Richtung. Schattenwind schnüffelte daran und es roch gut. Was sie angeboten bekam, war Fleisch. Dann schnappte sie danach und begann es zu fressen. Es schmeckte ungewohnt, aber sehr gut. „Hast du einen Namen?“ fragte Ivani. „Ich werde dir einen Namen geben.“ Sie dachte kurz nach, dann sagte sie: „Ich nenne dich Lilith, das bedeutet Wind im Schatten oder auch Hoher Wind, denn wie der Wind aus dem Schatten oder aus der Höhe bist du hierher gekommen. Ja, ich denke, das ist ein guter Name. Gefällt er dir?“ Nun verstand Lilith zwar nicht alles, was Ivani sagte, aber sie begriff vieles davon. Bei den meisten Katzen ist das so, nur können sie sich den Menschen nicht immer verständlich machen. So wusste sie auch, was Ivani gesagt hatte. Und sie lies es gerne geschehen, dass Ivani sie streichelte und kraulte. Sie begann leise zu schnurren. Lilith streckte sich und legte sich auf den Boden. Jetzt wusste sie, dass von den Menschen keine Gefahr drohte. Vielleicht wäre es sogar sicherer hier in der Hütte einen Wurfplatz für ihre Jungen zu haben. Denn so oft wie sie hier herumgeschlichen war, so hatte sie doch noch nie ein Raubtier bei den Menschen entdeckt. Offensichtlich wurden die Menschen von Raubtieren gemieden. Nach einiger Zeit erhob sich Ivani und verliess die Hütte. Die Sonne stand schon tief, als sie zurückkehrte. Sie fand Lilith schlafend auf den Decken. „Du bist ja noch da. Es gefällt dir wohl hier?“ Lilith wachte auf und streckte sich. Sie bekam einen Streichler von Ivani, den sie gerne annahm. „Ich werde mit Jaweth sprechen, damit du hier bleiben kannst, wenn du magst. Er ist mein Vater und der Vorsteher unseres Dorfes. Er muss es erlauben.“ Jaweth war erst dagegen, dass die Katze bei Ivana blieb. Nutzlose Fresser konnten sie nicht brauchen. Aber Ivani bettelte solange, bis Jaweth schliesslich wiederwillig zustimmte. „Gut,“ meinte er, „Die Katze darf bei dir bleiben, aber keiner wird ihr Futter geben. Du musst dein Essen mit ihr teilen.“ Ivani fiel ihrem Vater fast um den Hals, als sie seine Zustimmung hatte. So blieb Lilith bei den Menschen. Die Vorratskörbe waren voll von Früchten und auch Getreide, welches grosse Mengen von Mäusen und Ratten anlockte. Lilith wurde jeden Tag satt und die Zahl der Mäuse und Ratten nahm ab. Natürlich ging sie trotzdem immer wieder zum Treffpunkt am Baum, denn obwohl sie jetzt bei den Menschen lebte, war sie frei. Bald bemerkten die Menschen, dass in Jaweth’s Hütte weniger Vorräte von Mäusen und Ratten vernichtet wurden und obwohl sie sich das erst nicht erklären konnten freuten sie sich darüber. Erst als Ivani Lilith einmal beim Erlegen einer Maus beobachtete, wurden die Zusammenhänge klar. Ivani sprach darüber mit Jaweth, ihrem Vater. Da Jaweth der Vorsteher des Dorfes war, verfügte er, dass Lilith daher für immer bleiben durfte. So vergingen die Tage und Lilith wusste, dass sie bald gebären würde. Hinter den Decken war ein guter Platz und sie entschied, dass sie dort ihre Jungen zur Welt bringen würde. Gegen Abend kam Jaweth wieder in die Hütte. Er war bei den Ziegen gewesen und hatte sie gemolken. Lilith roch die Milch und strich Jaweth um die Beine. Neugierig, wie sie war, wollte sie wissen, was er da in dem Topf hatte. Als Jaweth sah, dass Lilith so sehnsuchtvoll nach der Milch schaute, nahm er ein kleines Tonschälchen und goss ein klein wenig Milch hinein. „Diese Milch ist eigentlich nicht für dich, aber eine gute Mäusejägerin darf wohl schon etwas davon bekommen.“ meinte Jaweth. Lilith roch an der Milch. Es roch nach Ziege, aber auch irgendwie süss. Sie begann, etwas von der Milch aus dem Schälchen zu lecken. Das war gut, sehr gut, etwas ähnliches hatte sie noch nie bekommen. Sie schaute Jaweth an und miaute. Von dem Tag an bekam sie öfters etwas Milch, meistens von Ivani, manchmal aber auch von Jaweth. Dann kam der grosse Tag. Ivani hatte schon lange gesehen, dass Lilith trächtig war, aber sie wusste nicht, wie das bei den Katzen vor sich ging und sie wollte Lilith nicht stören.. Lilith hatte sich hinter den Deckenstapel zurückgezogen und blieb dort den ganzen Tag Am Abend gebar sie ihre Jungen. Es waren drei, zwei Katzen und ein Katerchen. Sie biss die Nabelschnur durch und leckte sie trocken. Dann säugte sie die drei zum ersten mal. Ivani sah Lilith jetzt nur noch, wenn sie zum Jagen aus ihrem Versteck kam. Nach einigen Tagen kam aber Lilith zu Ivani und miaute. Ivani wusste erst nicht, was los war, aber dann begriff sie. Lilith wollte unbedingt Ivani ihre Jungen zeigen! Vorsichtig schaute sie hinter die Decken. Da lagen die drei, ganz winzig und mit geschlossenen Augen. Ivani streichelte Lilith. “Die sind aber niedlich. Ganz die Mutter.“ Zu berühren traute sie sich die Kleinen nicht. „Das muss ich Madan zeigen. Ohne Hast verlies sie die Hütte und kam nach einiger Zeit mit Madan zurück. „Madan, Madan, schau mal, sind die nicht süss?“ „Oh ja, darf ich eines nehmen?“ „Besser nicht. Tiere mögen es nicht, wenn man ihre Jungen anfasst.“ Lilith ging jetzt zu den Kleinen, legte sie neben sie und die drei begannen sofort bei ihr zu trinken. Lange noch schauten Madan und Ivani zusammen die drei Kätzchen an Gemeinsam verliessen sie die Hütte. Madan lebte alleine, seit seine Eltern durch eine Krankheit gestorben waren. Er bewohnte die Hütte direkt neben Jaweth’s Hütte. Oft sassen alle Dorfbewohner abends vor dem Feuer, auch Madan und Ivani. Lilith bemerkte sehr wohl, dass sich die beiden zueinander hingezogen fühlten, aber sie begriff nicht, warum sie kein Paar waren. Bei Katzen ist das nicht so kompliziert. Sie verstand nur, dass Jaweth irgend etwas erlauben musste, was anscheinend damit zusammenhing. Aber da die Menschen nur redeten und das Feuer zwar wärmte, sie aber trotzdem eine Scheu davor hatte, zog sie es vor, lieber in der Hütte nach Mäusen zu suchen. Ausserdem musste sie nach ihren Jungen schauen. Aber mit der Zeit wurden diese grösser und Lilith kam wieder öfter zu Ivani. An einem Abend begann wieder das Palaver vor dem Feuer. Lilith legte sich erst neben Ivani und wurde gekrault. Aber dann langweilte sie sich und bekam ausserdem Hunger. Sie wollte zuerst noch eine Maus erlegen, bevor sie sich um ihre Jungen kümmerte. Also ging sie in die Hütte um zu sehen, was sich jagbares dort finden würde. Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln. Sie spitzte die Ohren. Da war wieder dieses Geräusch. Es kam aus Richtung der Vorratskörbe und der Krüge Sofort drehte Lilith ihre Ohren in die Richtung. Nein, eine Maus war das nicht, es war etwas gösseres. Wieder raschelte es. Dann sah Lilith was es war: Eine Ratte und zwar eine ziemlich grosse. Sie sass auf einem der Tonkrüge, in denen die Menschen Vorräte aufbewahrten. Mit Ratten wurde Lilith spielend fertig und diese hier war besonders fett. Die Ratte war eine gute Kämpferin, sie pfiff einen Warnruf und flüchtete nicht wie die Mäuse, aber es nützte ihr nichts. Lilith hatte sie gestellt und in die Enge getrieben. Mit einem schnellen Satz war Lilith auf dem Tonkrug und hatte die Ratte im Genick gepackt. Der Tonkrug fiel scheppernd um. Die Ratte wehrte sich, aber Lilith hatte ihr nach kurzer Zeit das Genick gebrochen Durch den Krach waren die Bewohner des Dorfes aufmerksam geworden und Jaweth kam um nachzusehen, was los war. Er erfasste sofort die Situation. Über den umgeworfenen Tonkrug verlor er kein Wort. Dafür aber über Lilith: „Es ist unglaublich, das ist ein Riesenvieh. Du bist eine mutige Katze.“ Danach versammelte Jaweth alle Dorfbewohner um das Feuer und berichtete, was er gesehen hatte. Und er befahl, dass von nun an niemand einer Katze etwas zuleide tun dürfe. Auch verbot er allen, Katzen zu jagen. Wieder vergingen einige Tage im gleichen Rhythmus. Eines Nachts schlich Lilith zu Ivani in ihre Schlafstätte. Sie wollte ihr einfach nahe sein. Ihre Jungen waren jetzt gross genug, so dass sie diese einige Zeit alleine lassen konnte. Sie schmiegte sich an Ivani und fing an zu schnurren. Von dem Tag an legte sie sich jede Nacht zu Ivani und dabei blieb es. Nur in den Nächten, in denen sie zum Treffpunkt ging, war sie nicht da. Den Tag über schlief sie in der Hütte oder erkundete das Dorf, das sie mittlerweile als ihr Revier betrachtete. Wenn sie Jaweth begegnete, bekam sie auch von ihm einen Streichler. Jaweth war tagsüber die meiste Zeit mit dem Hund bei den Ziegen. Das Verhalten des Hundes war Lilith völlig unverständlich. Er kam, wenn er gerufen wurde und tat auch sonst immer was ihm von den Menschen befohlen wurde. Nie wäre es einer Katze in den Sinn gekommen, irgend jemandes Befehl zu folgen. Daher hatte sie auch nichts für den Hund übrig. Er war zwar viel grösser und gefährlich, aber da er auf die Menschen horchte, ging Lilith ihm einfach aus dem Weg. Aber nicht immer war das möglich. Denn der Hund schnüffelte überall herum und so kam er auch einmal Lilith zu nahe. Erst wusste er nicht, was er von Lilith halten sollte, aber dann verbellte er sie. Lilith jedoch floh nicht und zeigte auch keine Anstalten zur Flucht. Der Hund knurrte wütend. Lilith fauchte und ging auf den Hund los. Mit ihren messerscharfen Krallen zog sie ihm so schnell, dass er nicht reagieren konnte, einige blutige Striemen über die empfindliche Schnauze. Es musste fürchterlich schmerzen. Von diesem Tag an machte der Hund einen Bogen um Lilith. Am Abend trafen sie sich wieder am Treffpunkt im Gebüsch bei dem grossen Baum. Seit Lilith bei den Menschen war, hatte es viele grosse Diskussionen gegeben. Einige wollten auch zu den Menschen, andere zogen es vor, weiter in der Wildnis zu leben. Nun gibt es bei Katzen, anders als bei Hunden, keinen Anführer und jeder ist frei in seinen Entscheidungen. Jedenfalls waren Lilith’s Berichte dazu angetan, dass einige ernsthaft erwogen, auch zu den Menschen zu gehen, allen voran Sandfell. So wie es aussah, waren die Menschen doch nicht so gefährlich, im Gegenteil, sie boten Schutz und reiche Beute. Durch Lilith’s Erzählung wussten sie, wie die Menschen mit Feinden umgingen und das bot mehr Sicherheit, als sie hier in der Wildnis hatten. Auch dem Feuer und dem Hund konnte man problemlos aus dem Weg gehen. Und niemand befahl ihnen etwas, sie mussten nicht wie die Hunde auf Befehl gehorchen. Keine Katze würde das jemals tun, sie brauchten einfach nur da zu sein. Denn Mäuse würden sie sowieso jagen und wenn das den Menschen recht war, warum also nicht? Da sie in der Sache frei waren, konnten sie kommen und gehen wie es ihnen beliebte. Sie konnten sich weiterhin treffen und wenn es einmal jemand gelüstete, in der Wildnis zu jagen, war das auch kein Problem. Und sollte einmal jemand genug von den Menschen haben, so konnte er jederzeit gehen. Aber jede Katze musste das für sich selbst entscheiden. Lilith drängte niemand dazu, mit ihr zu gehen, allein der Gedanke daran, jemand zu irgend etwas zu drängen, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Sie berichtete nur das, was sie erlebt hatte. Sandfell, Nachtlicht und Grossohr beschlossen, mit Lilith zu gehen um zu sehen, was da bei den Mensche alles passierte. Sie würden später zurückkommen und berichten. Spät in der Nacht machten sie sich zur Siedlung auf. Sie erreichten sie im Morgengrauen. Erst beobachteten sie das Geschehen aus sicherer Entfernung, aber als die Menschen auf ihre Felder gingen und die Siedlung verlassen war, getrauten sie sich zwischen die Hütten. Alles fanden sie so vor wie Lilith berichtet hatte. Daher beschlossen sie, auch bei den Menschen zu bleiben. Gelegentlich würden sie zum Treffpunkt gehen. So fand Ivani am nächsten Tag vier Katzen in ihrer Hütte. Eine davon war Lilith, aber die anderen hatte sie noch nie gesehen. Die drei wichen zurück und suchten einen Ausweg, noch nie waren sie einem Menschen so nahe gewesen. Langsam kniete Ivani sich nieder, wie sie es bei Lilith getan hatte, als sie diese zum ersten Mal gesehen hatte. Die drei fremden Katzen wussten erst nicht recht, was sie davon zu halten hatten, aber da Lilith nicht warnend fauchte und auch sonst keine Anzeichen von Furcht zeigte, warteten sie einfach ab, was passierte. Ivani versuchte, ihnen ein Stück fleisch zu geben. Sie schnupperten daran, aber kamen nicht näher. Ivani legte das Fleisch auf den Boden und bewegte sich langsam rückwärts. Jetzt kam Sandfell näher und begann das Fleisch zu fressen. Nun war das Eis gebrochen und die drei wurden zutraulicher. Ivani ging langsam rückwärts aus der Hütte. Als sie nach kurzer Zeit wieder mit Madan zurückkam, lagen alle vier Katzen auf den Decken und putzen sich. Von dem Tag an kamen Sandfell und die anderen jeden Tag zu den Menschen und nach einiger Zeit blieben sie ganz. Nur zu ihren nächtlichen Treffen gingen sie ab und zu. Daher kamen immer mehr Katzen in das Dorf und blieben. Und mit der Zeit wurde kaum noch etwas von den Vorräten von Mäusen und Ratten gefressen. Das Katzenvolk hatte sein Auskommen, denn trotzdem zog es immer wieder Mäuse und manchmal auch Ratten hierher, aber diese hatten nicht lange Freude an dem scheinbar gefundenen Fressen, die Katzen dafür umso mehr. Manchmal bekamen sie auch etwas Ziegenmilch und gelegentlich ein Stück Fleisch. Sonst mussten sie, im Gegensatz zu dem Hund, nichts weiter tun. Lilith’s Junge waren jetzt gross und gingen selbst auf die Jagd. Es war nun Erntezeit und Jaweth hatte diesem Tag Madan befohlen, den Dreschflegel aus seiner Hütte zu holen. Der Dreschflegel hing an der Wand und Madan musste auf einen Stapel geschichtetes Holz steigen. Den Dreschflegel hatte er jetzt in der Hand und wollte wieder hinuntersteigen. Da sah er auf dem Holzstapel einen Skorpion in Richtung seines linken Beines krabbeln. Er machte einen Schritt zurück, das Holz kam ins Rutschen und Madan stürzte vom Stapel. Er lag auf dem Boden und wollte aufstehen.. Aber Madan war ziemlich unglücklich gestürzt. Er konnte sich nicht mehr richtig bewegen und bekam kaum noch Luft. Offensichtlich hatte er sich einige Rippen gebrochen. Der Skorpion war auch heruntergefallen, war jetzt direkt vor seinem Gesicht und hatte drohend seinen Stachel erhoben. Madan wagte nicht, sich zu bewegen, der Skorpion würde sofort zustechen. In dem Moment sah Madan, dass Lilith sich von hinten an den Skorpion heranschlich, die Ohren nach vorn gerichtet und jede seiner Bewegungen aufmerksam beobachtend. Lilith hatte schon mehrmals mit Skorpionen zu tun gehabt. Sie schmeckten sehr lecker, aber sie waren sehr schnell in der Hitze und man musste aufpassen, nicht von ihnen gestochen zu werden. Dieser hier war nicht sehr gross, aber trotzdem konnte sein Gift eine Katze umbringen. Und er war direkt vor Madan’s Gesicht und konnte jederzeit zustechen. Aber Lilith war genau hinter ihm und sie wusste, was zu tun war. Der Skorpion war ausschliesslich auf Madan fixiert. Mit einem Satz schnellte Lilith nach vorn und drückte von hinten den Schwanz mit dem gefährlichen Giftstachel nach unten. Es knackste leicht, nur für Lilith hörbar. Der Skorpion war noch nicht tot, aber jetzt völlig wehrlos und der Schwanz mit dem Giftstachel zerquetscht.. Noch zappelten seine Beine. Ein Biss und der gefährliche Happen war nur noch Katzenfutter. Mit Hochgenuss begann sie das zarte Fleisch zu verzehren, als Ivani in den Raum kam. „Was ist hier passiert?“ „Lilith, Lilith.“ stöhnte Madan. “Was ist mit Lilith?” „Sie hat mich gerettet, ohne sie hätte mich der Skorpion gestochen.“ Er versuchte aufzustehen, stöhnte und brach gleich wieder zusammen. „Was ist, bist du doch verletzt?“ „Es schmerzt, hier in der Brust.“ Madan stöhnte wieder. „Warte, ich hole meinen Vater:“ sagte Ivani. Nach kurzer Zeit kam sie mit Jaweth zurück. Er untersuchte Madan, der dabei wieder schmerzvoll stöhnte. „Es sind Rippen gebrochen.“ sagte Jaweth, „Es wird heilen, aber es wird einige Zeit dauern. Er wird Pflege brauchen.“ „Ich werde das übernehmen.“ antwortete Ivani. Ihr Vater lächelte, er hatte schon seit langem gesehen, wie es um Madan und Ivani stand. Und dies würde eine gute Gelegenheit sein, zu beweisen, was die beiden füreinander empfanden. „Ich werde jetzt eine Weile fortgehen und Kräuter sammeln.“ sagte Jaweth, „Davon werde ich eine Salbe machen, die den Schmerz etwas lindert. Kümmere dich derweil um ihn.“ Als Jaweth gegangen war, holte Ivani ein Stück Fleisch um es Lilith zu geben. Lilith nahm es dankbar an, obwohl sie nicht begriff warum sie ein Belohnung erhalten hatte. Sie hatte ja als Belohnung bereits den äusserst delikaten Skorpion bekommen. Daher rieb sie sich an Ivani und begann zu schnurren. Ivani blieb jetzt oft bei Madan und pflegte ihn. Alle Dorfbewohner begegneten Lilith jetzt mit Hochachtung und sie, aber auch ihre Jungen und die anderen Katzen, bekamen viele Streichler und manchmal Leckerbissen. Und die Mäusejagd gaben sie nicht auf. Sie erkannten, dass die Entscheidung, zu den Menschen zu gehen, richtig gewesen war. Tage um Tage vergingen und langsam besserte sich Madan’s Zustand. Schmerzen hatte er keine mehr. Jaweth’s Salbe hatte auch das ihrige getan. Nach einiger Zeit war Madan gesund und begann wieder auf den Feldern zu arbeiten, oft begleitet von Ivani. Eines Abends sassen sie wieder um das Feuer. Jaweth wandte sich an Madan und Ivani. „Ihr seit oft zusammen auf den Feldern.“ bemerkte er. Die beiden schauten verlegen. „Sollte mir etwas entgangen sein?“ Er lächelte. Madan fasste sich ein Herz. „Es ist so...“ er stockte, wusste nicht mehr weiter. „Liebt ihr euch?“ „Ja, Vater!“ sagte Ivani, mehr nicht. Ein Schweigen trat ein. Jaweth nickte. „Dann sei es.“ Er erhob sich. „Hört mich an!“ rief er. „Madan und Ivani haben zueinander gefunden. Daher verkünde ich als Vorsteher dieses Dorfes, dass beim nächsten Vollmond Hochzeit sein soll.“ Es gab ein Gemurmel und zustimmendes Nicken, denn auch die anderen Dorfbewohner hatten längst mitbekommen, dass Madan und Ivani einander zugetan waren. Bis zum nächsten Vollmond war es nicht lange. Lilith verstand die Aufregung der Menschen in den Tagen davor nicht. Aber sie spürte, dass etwas besonderes bevorstand. Der Vollmond kam. Neugierig, aber etwas verunsichert, schaute Lilith dem Treiben zu. Sie wusste nicht, was sie davon zu halten hatte. Ivani wurde festlich gekleidet und auf den Dorfplatz geführt. Jaweth wartete schon am Feuerplatz mit den anderen Dorfbewohnern. Nach einiger Zeit kam Madan, auch er in festlicher Kleidung. Beide nahmen vor Jaweth Aufstellung. Er schaute erst das Paar an, dann der Reihe nach alle Dorfbewohner. Dann fing er zu reden an. „Es ist der Wille der Ahnen, dass Madan und Ivani füreinander bestimmt sind.“ Er schaute in die Runde. „Möchte jemand etwas vorbringen?“ „Ja,ich.“ sagte einer der Dorfbewohner, „Es ist der Wille der Ahnen.“ „Es ist der Wille der Ahnen.“ wiederholte ein anderer. „Es ist der Wille der Ahnen.“ kam es aus der ganzen Runde. „Also sei es!“ rief Jaweth. Er schaute zu Madan und Ivani. „Da ihr euch liebt und es der Wille der Ahnen ist, sollt ihr von nun an zusammen sein.“ Er machte eine Pause und sah zu Madan. „Und so gebe ich dir meine Tochter Ivani zur Gefährtin.“ Er machte eine weitere Pause. Dann rief er: „Als Vorsteher dieses Dorfes und Vater von Ivani verkünde ich dies: Von nun an sind Madan und Ivani Mann und Frau. Möge ihr Leben glücklich und mit vielen Kindern gesegnet sein!“ Es gab Unmengen von Essen und ein Getränk, das in Liliths Nase nicht sehr gut roch, aber die Menschen tranken sehr viel davon. Und sie tanzten um das Feuer und sangen. Spät in der Nacht verschwanden Madan und Ivani in Madan’s Hütte. Das hatte Lilith noch nie erlebt, dass Ivani nachts bei Madan war. Aber sie mochte jetzt nicht zu ihnen, es war ihr zuviel Trubel gewesen und irgendwie hatte sie auch das Gefühl, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dazu war. Daher lief sie in der Nacht wieder zum Treffpunkt und kam erst im Morgengrauen zurück. Ivani blieb bei Madan und da Lilith auch bei Ivani bleiben wollte, lebte sie von da an auch in Madan’s Hütte. Das Jahr war bis jetzt sehr gut gelaufen, das Wetter hatte mitgespielt und daher standen die Felder gut und auch die Bäume waren voller Früchte. Die Leute waren damit beschäftigt die Früchte der Bäume zu ernten. Nur auf einen Baum gingen sie nicht, obwohl die Früchte bald überreif waren. „Vater,“ fragte Ivani „warum ernten wir diesen Baum nicht?“ „Weil er dürre Äste hat, das ist zu gefährlich.“ „Aber die Früchte sind überreif und sind besonders süss.“ „Ich sage dir, iss nicht von den Früchten des Baumes!“ befahl Jaweth. „Aber warum denn?“ „Die Äste sind dürr und werden brechen, wenn du da raufsteigst.“ mahnte ihr Vater. „Aber die Früchte sind bereits reif und sie werden am Baum faulen, wenn man sie nicht erntet.“ entgegnete ihm Ivani. „Nein, das ist zu gefährlich. Du lässt das bleiben!“ „Vater!“ „Das ist mein letztes Wort!“ Jaweth drehte sich um und ging langsam in Richtung der Ziegen. Aber die süssen Früchte lockten. Viele hingen auch auf den unteren Ästen, da müsste man nicht sehr hoch klettern und es könnte doch nicht so gefährlich sein. Jaweth irrte sich bestimmt, die Äste sahen stabil aus. Also begann sie trotz Jaweth’s Verbot auf den Baum zu klettern Lilith war Ivani gefolgt und sah ihr von unten zu. Vielleicht würde sie auch hochklettern, Lilith war gut im klettern und schon oft auf Bäumen gewesen. Aber irgendwie traute sie sich diesmal nicht, etwas war an dem Baum, das sie davon abhielt. Ivani war jetzt auf dem Baum. Weit oben war sie nicht, viele Früchte hingen auch an den unteren Ästen. Langsam schob sie sich auf dem Ast nach vorne. Plötzlich stutze sie. Sie stiess einen spitzen Schrei aus und machte eine hastige Bewegung zurück. Dadurch verlor sie den Halt und wollte sich an dem Ast festhalten, der krachend brach. Der Ast mit Ivani stürzte zu Boden, nicht tief, es war ja nur einer der unteren Äste gewesen, daher verletzte sie sich nicht. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie auf den Ast. Lilith hätte der Ast fast getroffen, zuerst war sie zurückgesprungen, aber als sie Ivani regungslos auf den Ast sah, kam sie wieder. Jetzt sah sie, was Ivani so erschreckt hatte. Da war eine Schlange auf dem Ast. Sie war noch jung, aber trotzdem, wie alle Schlangen in der Gegend, giftig. Lilith fauchte sie an. Die Schlange richtete sich auf und züngelte. Vorsichtig und ganz langsam bewegte sich Ivani rückwärts. Lilith würde niemals zulassen, dass Ivani etwas schlimmes geschah. Gelegentlich hatte sie eine Schlange erlegt, aber niemals im direkten Angriff, sie hatte immer nur gelauert und gewartet, bis der richtige Zeitpunkt zum Zuschlagen kam. Man musste sie direkt hinter dem Kopf erwischen um den Giftzähnen aus dem Weg zu gehen. Aber diesmal war es anders. Die Schlange war direkt vor ihr und hatte ihr Maul mit den Giftzähnen weit aufgerissen. Bewegungslos starrte Lilith die Schlange an. Sie musste hinter die Schlange kommen, um sie zu erwischen. Sie würde sie nicht zulassen, dass diese Ivani angriff. Ivani wagte nicht, sich zu bewegen. Sie verfolgte entsetzt das Geschehen. Einige Bewohner des Dorfes, darunter auch Jaweth, hatten durch den Sturz bemerkt, dass etwas nicht stimmte und rannten herbei. Lilith begann zu fauchen. Die Schlange züngelte wieder. Mit ganz langsamen Bewegungen schob sich Lilith zur Seite um hinter die Schlange zu kommen. Dann machte sie einen Satz zu Seite. Ruckartig folgte die Schlange der Bewegung. Wieder stand Lilith vollkommen reglos. Ein weiterer Sprung würde sie hinter die Schlange bringen. In dem Moment wollte die Schlange zustossen, aber Lilith war schneller. Sie wich aus und sprang dann vor. Jetzt war sie genau über der Schlange und wollte sie am Genick packen. Die wand sich blitzschnell und Lilith spürte einen Stich in ihrer rechten Vorderpfote. Trotzdem erwischte sie die Schlange und biss hinter dem Kopf zu. Die Bewegung der Schlange erlahmten. Sie war tot. Ivani hatte sich wieder aufgerappelt und schaute nach Lilith. Im Laufschritt kam Jaweth angerannt. Fassungslos starrte er auf das Bild, das sich ihm bot. Er sah die tote Schlange, sah Ivani und Lilith und er erfasste sofort, was geschehen war. Ivani nahm Lilith in ihre Arme. Dann sah sie die kleine Wunde an Lilith’s Vorderpfote. Es blutete kaum, aber Lilith’s Vorderpfote schmerzte fürchterlich. Ihr wurde seltsam zumute und zeitweise drehte sich alles vor ihren Augen. Der Schmerz wurde stärker und kroch hoch bis zur Schulter Aus den Augenwinkeln sah sie Sandfell, Nachtlicht und Langkralle. Langsam kamen die drei näher. Sie wussten was geschehen war und was geschehen würde und sie kamen immer näher und schnupperten und rieben sich an Lilith. Diese versuchte, sich die Wunde zu lecken, aber es gelang ihr nicht. Kaum noch bewegen konnte sie sich. Sie wusste, sie würde diesen Kampf verlieren und war bereit, in das Land am Rande der Zeit zu gehen. Dort konnte sie auf Ivani warten. Dann würden sie zusammen über den Regenbogenweg gehen. Sie fühlte keine Schmerzen mehr. Ihre Vorderpfote war jetzt völlig gefühllos. Ihr wurde kalt. Als die Sonne unterging und die Dämmerung hereinbrach, starb Lilith. Sie wurde sieben Jahre alt. Alle Bewohner des Dorfes versammelten sich um die tote Lilith und trauerten und weinten die ganze Nacht. Am meisten weinte Ivani. Sie hielt Lilith in ihren Armen und betrauerte sie wie einen geliebten Menschen. Am nächsten Tag kamen viele Menschen und Tiere von weit her, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Danach wurde Lilith bestattet als ob sie ein Mensch gewesen wäre. Madan und Ivani zogen fort, denn sie wollten nicht mehr an dem Ort leben an dem sie soviel Freude aber auch tiefe Trauer erlebt hatten und sie kehrten nie mehr zurück. Und lange noch erzählten sich alle im ganzen Land die Geschichte von Lilith der Katze. Heute wissen die meisten Menschen nicht viel von Lilith. Nur wenige kennen noch ihren Namen, die wirklichen Ereignisse haben sie vergessen. Und viele halten Lilith nur für ein Fabelwesen und manche sogar für einen Dämon. In ihren Erzählungen wurde aus Madan und Ivani im Laufe der flüchtigen Jahre der Welt Adam und Eva und die Geschichte wird ganz anders erzählt. Doch alle Tiere, nicht nur die Katzen, erinnern sich noch an die Ereignisse und erzählen die wahre Geschichte noch heute, im Gedenken an Lilith, der Katze, welche die Welt der Menschen und der Tiere vereinte. |
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| »24.01.2010 08:31 |
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