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D-Day
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Gast D-Day








D-Day

Grosse Feldherren planen ihre Invasionen lange im Voraus.
Nur kommt es für diejenigen, welche eine Invasion gilt, in den meisten Fällen doch ziemlich überraschend.
Vor allem, wenn es sich sozusagen um eine Ein-Mann-Invasion handelt.
Da hilft nur eins: Faternisierung!
*
Am Samstag habe ich in der Innenstadt einige Einkäufe zu tätigen.
Miezka will wie so oft mit, sie fährt gerne mit der Strassenbahn, vorausgesetzt, es ist ein Fensterplatz..
Ganz beiläufig nehme ich während des Einkaufs die „Zypresse“ mit, eine kostenlose Zeitung mit privaten Kleinanzeigen. Manchmal kann man da ein Schnäppchen ergattern.
Zuhause wird erst mal das Eingekaufte eingeräumt und dann ein wenig gegessen.
So nebenher wird auch die „Zypresse“ durchgeblättert.
Erst wird mal die Rubrik „Motorräder“ durchgeschaut und mehrere Annoncen angekreuzt.
Mal sehen, ob ich eine brauchbare Maschine finde.
Danach wird die „Zypresse“ einfach so mal durchgeschaut, ohne etwas bestimmtes zu suchen.
Und irgendwie, ich weis nicht warum, bleibt mein Blick an einer Anzeige unter der Rubrik „Tiermarkt“ hängen.
Irgendwie, einfach so, ich kann’s nicht erklären.
„Drei Kätzchen abzugeben, 12 Wochen alt“ und eine Telefonnummer hier in einem Teilort.
Ich muss verrückt sein.
Andererseits....
Nein, das geht nicht.
Oder doch?
Miezka hätte dann einen Spielgefährten.
Aber ich bin viel unterwegs und Miezka kommt immer mit.
Mit zwei Katzen geht das nicht.
Und eine kleine Katze darf erst mal einige Zeit nicht raus.
Aber ich habe in nächster Zeit Arbeit, die ich von zuhause und über das Internet erledigen kann.
Also es geht doch, oder?
Nein, nein, aber am Seepark gibt es mindestens vier Katzen, mit dreien von denen verträgt sie sich recht gut.
Aber ob sich Miezka mit einer neuen Katze in der Wohnung verträgt...?
Na ja, laut Annonce sind die Kitten erst 12 Wochen alt.
Aber trotzdem....
Weiss der Geier, was mich dazu gebracht hat, dann doch dort anzurufen.
Am anderen Ende ist ein Mädchen dran, das nach meiner Frage nach den Katzen seine Mutter ruft.
Von der Mutter bekomme ich auch gleich Auskunft.
Klar könne ich eines haben, aber heute nicht, sie müsste noch weg. Ob’s morgen recht wäre?
Und sie wolle auch keines einfach so hergeben, sie möchte dreissig Euro, sozusagen als Schutzgebühr.
Das ist ok.
Der nächste Tag ist ein Sonntag, Pfingstsonntag.
Also Transportbox geschnappt, noch eine Decke reingelegt und los geht’s.
Die Verkehrsverbindungen sind hier prima, auch Sonntags, also verzichte ich auf’s spritfressende Auto und nehme den Bus.
Nach 30 Minuten komme ich an.
Das Haus ist leicht zu finden, es liegt nahe der Bushaltestelle.
Es ist eine ganz normale Familie, nur eben hat ihre Katze drei Junge bekommen und da im Haushalt vorher schon zwei Katzen waren, konnten sie die nicht behalten.
Ein Katerchen haben sie noch.
Er ist der letzte, die anderen zwei wurden am Morgen von verschiedenen Leuten abgeholt.
Die Mutter ist eine Main Cone, der Vater unbekannt.
Er ist ganz schwarz und sooo süss.
Wie ich ihn auf den Arm nehme, drückt er sich an mich.
Und da er noch ganz klein ist, kommt Miezka bestimmt mit ihm klar.
Auf meine Frage, ob er einen Namen hätte, hiess es, ja, Mowgli, wie aus dem Dschungelbuch.
„Gibt’s denn Besonderheiten, die ich bei ihm beachten muss?“
„Ja, er frisst nur Trockenfutter, wir haben’s nicht geschafft, ihn an Nassfutter zu gewöhnen. Ansonsten, er ist stubenrein, aber er muss noch entwurmt und geimpft werden.“
Die Frau bekommt noch meine Telefonnummer, damit sie weis wo Mowgli hinkommt und ihn vielleicht auch mal besuchen kann.
Wir reden noch ein wenig und dann geht’s mit Mowgli in sein neues Zuhause.
Im Bus und der Strassenbahn gibt’s gelegentlich Kommentare.
„Oh, was für ein süsses Kätzchen!“ und ähnliches.
Zuhause angekommen bleibt Mowgli erst mal für eine halbe Stunde in der Box.
Miezka schaut, schnüffelt und weis nicht so recht, was sie davon halten soll
Ganz kurz wird gefaucht, aber da der fremde Eindringling in der Box bleibt, wird erst mal wachsam darum herumgeschlichen.
Dann öffne ich vorsichtig die Box, von Miezka misstrauisch beäugt.
Vorsichtig wagt sich Mowgli aus der Box.
Sozusagen der erste Landgang, die Invasion ist hiermit gestartet.
Aber solcherart naseweiser Vorgehensweise wird von Miezka aufs Äusserste missbilligt.
Mowgli ist jetzt draussen und will Miezka beschnuppern.
Will, soll nicht heissen, dass er das darf!
Bösartiges Fauchen von Miezka: It’s my Home, my Castle!
Da aber Mowgli mit solcherart erklärten Besitzansprüchen nichts anfangen kann und sich unbeirrt weiter nähert, bekommt er erst mal eine von Miezka gewischt und flüchtet in die nächste Ecke.
Es ist sozusagen der ganz persönliche D-Day.
Ich gedenke, mich ausschliesslich als Kriegsberichterstatter zu üben und dabei strikte Neutralität zu wahren.
Trotzdem bekommt Miezka einige Streicheleinheiten.
Ich will ja nicht, dass sie sich zurückgesetzt fühlt.
Jetzt kommt Mowgli wieder angetapst, aber Miezka, den Schwanz wie eine Klobürste, faucht ihn sofort an und hebt drohend die Pfote.
Der Häuptling eines kleinen gallischen Dorfes sagte, dass man nichts zu fürchten habe, ausser dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.
Aber noch sei nicht aller Tage Abend.
Wir werden sehen.
Die Kämpfe dauern an, aber Stück um Stück werden die Stellungen erobert, bis zunächst ein Staus Quo eintritt.
Miezkas erklärter Platz ist unter der Couch und Mowgli hat sich hinter dem Schreibtisch eingerichtet.
Dabei bleibt es für einige Zeit, die ich nutze um Trockenfutter aufzufüllen.
Da alles sehr kurzfristig war, habe ich für Mowgli natürlich noch keinen eigenen Futternapf und ein eigenes Katzenklo besorgen können.
Der nächste Tag ist ein Feiertag, also kann ich das erst am Dienstag erledigen.
Uff, das war „Der längste Tag“, schau’n wir mal, wie’s weitergeht.
Erst mal eine Runde ausschlafen.
Doch in der Nacht werde ich durch ein agressives Fauchen geweckt. Mowgli ist auch ins Bett gesprungen und möchte schmusen. Nur ist Miezka da anderer Meinung. Wenn hier jemand schmust, dann sie! Basta!
Es geht ein Gefauche los, das aber nach einigen Sekunden wieder verstummt.
Mowgli ist irgendwo und Miezka drückt sich an mich.
So vergeht die Nacht, weitgehend ereignisslos.
Als einziges Novum sei angemerkt, dass ich entgegen meiner Erwartung nicht von Miezka zwischen 2 und 3 Uhr zum Spielen geweckt wurde.
Aber nach alter Gewohnheit bin ich um die Zeit sowieso kurz aufgewacht.
Miezka liegt neben mir, nicht schlafend, sondern hellwach aber völlig regungslos.
Montag, Tag zwei, die Eroberung weiteren Territoriums.
Immer wieder versucht Mowgli an’s Trockenfutter zu kommen, aber er traut sich nicht wenn er Miezka sieht.
Doch offensichtlich ist er nicht blöd.
Denn Miezka folgt einer alten Katzentradition.
Will heissen, nachts ist man wach um beispielsweise Dosi auf Trab zu halten, damit man tagsüber schön pennen kann.
Sie döst in ihrer Katzenhöhle, was von Mowgli sofort ausgenutzt wird, um endlich mal was nahrhaftes zwischen die Zähne zu bekommen.
Gelegentlich kommen beide Samtpfoten aus ihren Stellungen aber sich auf keinen Fall näher.
Erst gegen Abend schrumpft die Distanz auf einen Meter ohne Gefauche.
Dienstag, Tag drei.
Die Fronten haben sich geklärt und angenähert, es besteht Hoffnung auf eine Friedenskonferenz.
Noch ist mir der Himmel nicht auf den Kopf gefallen.
Aber erst mal steht was anderes an.
Heute geht’s erst mal in die Tierklinik. Mowgli muss untersucht, geimpft und gechipt werden.
Ausserdem möchte ich einen Euro-Tierpass und ein Entwurmungsmittel.
Wieder wird dazu die Stassenbahn genommen.
Der Blick, den Miezka mir zuwirft, als ich mit der Box und Mowgli die Wohnung verlasse, ist schwer zu enträtseln.
Endlich ist der unheilige Störenfried wieder weg!
In der Tierklinik ist Mowgli äusserst lieb und lässt alles über sich ergehen, Untersuchung und Impfung. Er ist gesund, bekommt einen Chip und einen Tierpass.
Wieder zuhause faucht Miezka sofort, als sie die Transportbox sieht.
Sie denkt wohl, ich hätte den Eindringling entfernt.
Das kann ja noch was geben.
Sie gehen sich jetzt wenigstens nicht mehr so krass aus dem Weg.
Zumindest ist Miezka jetzt nicht mehr unter der Couch und Mowgli nicht mehr hinter dem Schreibtisch.
Obwohl... einen ziemlichen Abstand zueinander nehmen sie noch ein.
Mowgli auf der Couch und Miezka auf dem Schrank.
Der Kleine schaut sehnsüchtig nach der Grossen und die Grosse misstrauisch nach dem Kleinen.
Nur ist eben eine Invasion keine solche, wenn das eroberte Gebiet nicht vollständig besetzt ist.
Aber erst beäugt man sich einige Stunden lang.
An diesem Zustand des kalten Krieges ändert sich auch in den nächsten Tagen nichts.
Miezka tut was sie will, schliesslich ist sie hier der Boss, und Mowgli wartet bis sie schläft um an sein Futter zu kommen.
Erst vier Tage später ergibt sich eine gravierende Aufweichung der verhärteten Standpunkte.
An diesem Abend habe ich keine Lust zum Kochen.
Einige hundert Meter weiter ist ein Stand, bei dem es gegrillte Hähnchen gibt.
Und genau ein solches gedenke ich mir einzuverleiben.
Natürlich ist mir bewusst, dass das nicht so einfach sein wird, denn Miezka ist scharf auf gegrilltes Hähnchenfleisch wie der Teufel nach der armen Seele.
Ich muss zusehen, dass sie mir nicht alles vom Teller klaut.
Wegen Mowgli mache ich mir keine Sorgen, der mag ja nur Brekkies und ähnliches.
Zumindest war das meine Meinung bis zu diesem Zeitpunkt.
Also wird ein Stück Fleisch herausgeschnitten und Miezka gegeben.
Das passt jetzt dem Kleinen nicht.
Denn als das schwarze Fellbündel sieht, dass Miezka was bekommt, kommt er angerannt.
Wenn die das isst, kann ich’s auch und wenn’s nur aus Protest ist! Auch basta!
Miezka ist so sehr mit dem Verzehr des Hähnchenfleisches beschäftigt, dass es sie nicht interessiert, ob Mowgli etwas bekommt.
Kurz daran schnuppern und dann wird’s mit Genuss vertilgt.
Hoppla, in diesem Haushalt gibt’s ja was feines.
Da sollte man doch sehen was es sonst noch zu futtern gibt.
Also mal beobachten, was die rot-weiss getigerte Chefin des Hauses so zu sich nimmt.
In einem unbeobachteten Moment schleicht er zu Miezka’s Futternapf und schnuppert daran.
Riecht ja wohl nicht schlecht.
Also wird mal daran genascht.
Hmmm.... gut!
Und so macht er sich über Miezka’s Nassfutter her.
Halt, halt, das ist für Miezka, Dosi hat für dich auch was, wenn du’s magst.
Und so bekommt Mowgli jetzt mal Nassfutter, welches er dann auch mit Genuss vertilgt.
Das Problem „Nur Trockenfutter“ wäre somit gelöst.
Immer mehr nähern sich die beiden jetzt an.
Es ist wieder Samstag, als ich in die Innenstadt auf den Wochenmarkt will.
Normalerweise will Miezka mit, wenn sie merkt, dass ich gehen will.
Aber jetzt steht sie an der offenen Wohnungstür, die Leine angelegt und weis nicht so recht, ob sie mit soll.
Immer wieder schaut sie rein.
Willst wohl zuhause bleiben, schauen, ob der Kleine nichts anstellt?
Gut, wirst eben wieder abgeleint.
Kaum heisst es „Leinen los“, ist sie wieder drin.
Ich kann nur hoffen, dass kein allzu grosses Chaos herrscht, wenn ich wieder zurück komme.
Da ich oft am Samstag mit Miezka auf dem Wochenmarkt bin, und viele Leute Miezka mittlerweile kennen, werde ich gelegentlich angesprochen. „Was, heute ohne Katze?“
Die Einkäufe ziehen sich hin, aber schlussendlich habe ich alles.
Wie ich wieder nach Hause komme spielen die beiden miteinander!
Von null auf jetzt, das gibt’s doch nicht! Ich bin hier wohl überflüssig!
Miezka hat nicht nur kapituliert und sich mit Mowgli arrangiert, sondern so was wie Freundschaft mit ihm geschossen.
Und Stunden später beobachte ich, wie Mowgli Miezka das Fell leckt.
So, nun hab ich also zwei von den samtpfötigen Sklavenhaltern.
Ich hab’s ja geahnt und jetzt ist’s passiert.
Der Himmel ist mir auf den Kopf gefallen!
»24.01.2010 08:34
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